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Titelbild der Rubrik: Jugendmedienschutz: Medienerziehung

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Medienpädagogischer Umgang mit jugendgefährdenden Hip-Hop-Texten

Seit Mitte der 90er Jahre gehört die Hip-Hop-Szene zu den populärsten Jugendkulturen in Deutschland.

Einige Hip-Hop-Stücke schockieren Eltern: Frauenfeindlich, sexistisch, rassistisch, gewalthaltig sind nur einige Attribute, mit denen sie die Texte kennzeichnen. Mit der Beurteilung dieser Hip-Hop-Stücke, die eigentlich nur einen Randbereich einer viel reichhaltigeren globalen Musikszene und Jugendkultur bilden, stehen die Eltern nicht allein. Die Indizierung solcher Hip-Hop-CDs durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien setzt ein wichtiges Zeichen an Produzenten und Vertreiber, wann Inhalte gegen die in der Gesellschaft vorherrschenden Erziehungsziele verstoßen. Um Kinder und Jugendliche möglichst wirksam vor den Einflüssen gefährdender Inhalte des Hip-Hop zu schützen, müssen die oben beschriebenen rechtlichen Maßnahmen sowie die Medienerziehung durch Eltern und Pädagogen Hand in Hand gehen.

Da Eltern und pädagogisch Tätige auch ohne Allroundwissen über die Hip-Hop-Kultur ihre Medienerziehungsleistung vollbringen müssen, wollen wir Sie mit den folgenden medienpädagogischen Empfehlungen unterstützen:

  • Grundinformationen zum Hip-Hop, um die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, die diese Musik mögen, zu verstehen.
  • Empfehlungen wie man aus medienpädagogischer Sicht mit frauenverachtender, gewaltverherrlichender Hip-Hop-Musik umgeht.
  • Tipps, die lokale Hip-Hop-Szene zu entdecken und einzuschätzen und Kinder und Jugendliche in einer reichhaltigen und kreativen Freizeitgestaltung mit Hip-Hop-Musik zu unterstützen.

Hip-Hop-Lifestyle: Authentizität - Battle - Provokation
New York zu Beginn der Siebziger Jahre: Offensichtliche Rassenschranken sind abgebaut, doch die Realität errichtet neue Barrieren: Armut, Drogenkonsum und Bandenkriminalität bereiten in den benachteiligten Vierteln New Yorks den Boden, in welchen der Hip-Hop seine Wurzeln gräbt. Aus der Grundidee, einen sozialen positiven Gegenpol zu Ganggewalt, Kriminalität und Drogensucht zu gestalten, entwickelte sich eine eigene Kulturform, in der sich nach dem olympischen Gedanken, in Wettkämpfen (Battles) die Besten ihres Fachs (DJs, Rapper, Tänzer, Writer) gegenüberstehen, um dann den Gewinner in Respekt zu akzeptieren. Die Schlacht mit Worten ersetzt die reale Auseinandersetzung. Die gewalthaltige Sprache ist die gleiche geblieben, aber die Begriffe werden im symbolischen Sinn gebraucht: Battle-Rap.

Aus diesen Ursprüngen hat sich in Deutschland Hip-Hop zu einer kreativen, multikulturellen und integrativen Jugendkultur entwickelt. "Schätzungsweise gibt es weit über drei Millionen an Hip-Hop interessierte Jugendliche in Deutschland. Wenn auch die Zahl der aktiven Jugendlichen mit mehreren Hunderttausend wesentlich geringer sein dürfte, erklärt sich die große Zahl der reinen 'Fans' nicht zuletzt durch den Boom, den Hip-Hop in Deutschland seit Mitte der 90er Jahre erlebt."[1] "In der Hip-Hop-Szene finden Mitglieder aus allen Gesellschaftsschichten zusammen. Besonders populär ist Hip-Hop nach wie vor bei Migranten. Die Altersspanne der Szenegänger liegt zwischen 14 und 34 Jahren. Der Altersdurchschnitt liegt bei 20 Jahren."[2]

Einen schnellen Überblick über den Hip-Hop in Deutschland gibt Thomas Peters auf http://www.jugendszenen.com, dem Portal für Szenenforschung.

Aufgrund dieser Ursprünge und des hohen Migrantenanteils bestimmen nicht selten gesellschaftskritische Themen den Hip-Hop in Deutschland. Die Vertreter der Szene, die Underdogs, die Benachteiligten nutzen ihre Musik als Sprachrohr, um auf soziale Probleme, wie z.B. Ausländerfeindlichkeit oder Chancenlosigkeit hinzuweisen. "So sind Hip-Hop- und Rap-Fans im Cluster der Deprivierten mit etwa 56 % wiederum stärker als in jedem anderen Cluster vertreten."[3]

Das gemeinsame Feiern und "Chillen" sind wichtige Bestandteile von Hip-Hop Partys. Hier muss ein aktiver Hip-Hopper immer wieder seine Authentizität unter Beweis stellen. Dabei "existieren in der Hip-Hop-Szene eine ganze Reihe von ungeschriebenen Gesetzen, Prinzipien und Verhaltensnormen. Wichtig ist es 'real' zu sein, d. h. sich vom 'Mainstream' abzuheben und Hip-Hop nicht aus bloßer Attitüde zu betreiben."[4] Einzelne Szenemitglieder sind darum bemüht authentisch zu wirken und nicht bloß Vorbilder zu kopieren. Dabei werden alle Themen benutzt, wird kein Tabu ausgelassen, werden ständig neue Provokationen gesucht - gegenseitige und gesellschaftliche Provokationen.

So ist eine eigene Welt entstanden, die nach den symbolischen Regeln der Battle funktioniert, d.h. ein Wettkampf zwischen zwei oder mehreren Hip-Hops im Rappen, Breaken, Sprayen oder DJing. Dabei treten die Teilnehmer gegeneinander an, um ihre Fähigkeiten zu messen. Der Battle ist begleitet vom gegenseitigen "Dissen", mit "disrespect" den anderen zu beeinflussen. Daher ist der Umgangston auf Battles und Hip-Hop Jams provokant und manchmal sogar beleidigend.

Dass weite Bereiche des Hip-Hop keine jugendgefährdenden Inhalte bieten, wird in den letzten Jahren durch Szenestars des "Porno- oder Gangsta-Rap" verdeckt, die von Jugendmedien gefördert, ein völlig unangemessenes Bild eines gewalthaltigen und frauenfeindlichen Hip-Hop in den Vordergrund spielen. Doch dieser Randbereich einer Subkultur steht an der Spitze der Charts, über den wird berichtet, der füllt derzeit die Hallen und bleibt in den Köpfen haften.

Weitere Weblinks:
Hip-Hop in14 Kurzbeschreibungen von Thomas Peters aus der vergleichenden Szeneforschung: http://www.jugendszenen.com/hiphop/index.php
Rap-History Chronologie: http://www.tu-chemnitz.de/phil/amerikanistik/projekte/hiphop/history.htm

Abgrenzung und Grenzüberschreitung als Bestandteil der Sozialisation
Jede Generation testet Grenzen aus, hat Grenzen überschritten. In der täglichen Auseinandersetzung um die Art der Grenzen und wie weit man gehen darf, entwickelt sich eine Gesellschaft. Regeln, Verbote, Indizierungen sind notwendige Elemente dieser Auseinandersetzung. Sie schützen Kinder, Jugendliche wie auch die Gesellschaft vor Einflüssen, die ihre Entwicklung gefährden können. Außerdem bieten sie Heranwachsenden einen klaren und für ihre Entwicklung grundlegend wichtigen Rahmen, an dem sie sich in der Entwicklung eigener Wertekonzepte orientieren können.

Jugendkultur ist heute mehr denn je Teil des Lebensstils von Jugendlichen; der Freundeskreis stellt eine der vier Sozialisationsinstanzen dar. Die Freizeit- und Medienkultur liefert das Material für die Auseinandersetzung mit der Welt der Erwachsenen und die Identitätsbildung:

  • Selbstvergewisserung von Identität als ästhetisches Gruppenerleben: "sich zusammen gut fühlen" (z.B. gemeinsame Musikvorlieben, Kleidung)
  • Jugendliche müssen ihre Identität erst finden (z.B. Geschlechterrollenidentität, Männer-/Frauenmodelle)
  • Jugendliche Identitätsbildung vollzieht sich in Abgrenzung von Erwachsenen (z.B. Modifikation oder Ersatz von Normen der Erwachsenenwelt)
  • Abgrenzung im "konjunktiven Erfahrungsraum"[5] , d.h. scheinbar folgenloses Probehandeln
  • Verbote als Anlass, etwas verstärkt zu tun ("Jetzt erst recht!")
  • Grenzüberschreitungen bieten den Jugendlichen die Möglichkeit, die für sie wichtigen zentralen Werte, Normen, Rollenmuster und alltagsästhetischen Lebensstile in sozialer Kommunikation auszuhandeln.[6]

Die Welt des Hip-Hop ist eine theatrale Wirklichkeit, in der sich der aktive Hip-Hop authentisch inszeniert. Zwischen Lebenswirklichkeit und medialer Wirklichkeit wird nicht unterschieden. Mit seinem "So-tun-als-ob" sucht der Rapper den "konjunktiven Erfahrungsraum" zum Probehandeln. Es besteht die Illusion, im Einüben in die Welt der Erwachsenen relativ folgenlos Fehler machen zu können. Nichtsdestotrotz gehen manche Interpreten zu weit, so dass mit Indizierung, aber auch durch Eltern und Erziehende notwendige Grenzen gesetzt werden müssen.

Allerdings werden heute viele Elemente der Jugendkultur im Sinn der Illusion von "ewiger Jugend" von Medien und Werbung durch die Erwachsenenwelt übernommen und vermarktet und scheiden damit für die jugendliche Identitätsbildung aus. Hip-Hop gilt noch als wenig von der Erwachsenenwelt durchdrungen und liefert das Material für Abgrenzung und Grenzüberschreitung. Die Differenzierung mit der junge Menschen ihr Lebensgefühl ausdrücken geschieht vor allem mit ästhetischen Mitteln: Musik, Bewegung, Kleidung und Sprache. Damit erklärt sich auch, warum in den wenigen den Jugendlichen verbliebenen Bereichen - in denen sie sich und ihr Lebensgefühl wieder finden - Verbote eher Anlass sind, etwas verstärkt zu tun.

Doch wie weit darf die "'realness' - die HipHop-spezifische Echtheitsprüfung"[7] gehen? Pornografie-, Drogen- und Gewaltinszenierungen treffen hier auf die zentralen Werte, Normen und Rollenmuster der Gesellschaft und stellen sie infrage. Der Umgang damit ist im Erziehungsdiskurs auszuhandeln.

[1] Peters, Thomas, Hip-Hop, 2005. In: http://www.jugendszenen.com, Portal für Szenenforschung (aufgesucht am 07.5.08)
[2] ebenda facts & trends
[3] Treumann K.P. u.a. Medienhandeln Jugendlicher - Mediennutzung und Medienkompetenz. Bielefelder Medienkompetenzmodell. Wiesbaden 2007. S. 364f
[4] ebenda Einstellung
[5] Mannheim, Karl, Das Problem der Generationen. Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie. 7. Jg. H. 2  Berlin 1928

[6] nach Mikos, Lothar, Vortrag "MTV als Lifestyle? Grenzüberschreitungen als Ausdruck von Jugendkultur". Hannover 18.4.2007
[7] Klein, Gabriele; Friedrich, Malte, Is this real? Die Kultur des HipHop, Frankfurt a. M. 2003